Sprachliche Besonderheiten von Gedichten
Lyrische Texte, auch Gedichte genannt, unterscheiden sich von anderen literarischen Textsorten darin, dass sie versgebunden sind. Das heißt, dass ihr Text in Strophen und Verse gegliedert ist und nicht in einem Fließtext verfasst ist, so wie beispielsweise Kurzgeschichten. Es kann sein, dass ein Satz über mehrere Verse verläuft und das Versende nicht dem Satzende entspricht. Ein Satz kann demnach auch über mehrere Strophen verlaufen. Generell ist es so, dass Gedichte nicht denselben strengen formalen Vorgaben wie andere Texte unterliegen. Es kann vorkommen, dass Gedichte grammatikalisch unvollständig sind, weil beispielsweise ein Wort fehlt oder die Grammatik bewusst verändert wird, zum Beispiel durch das Vertauschen von einzelnen Wörtern im Satz. Dies unterscheidet sich vom Sprachgebrauch im Alltag oder beispielsweise in einem Roman.
Gedichte entstammen aus einer musikalischen Tradition und wurden im Mittelalter gesungen vorgetragen. Deshalb werden in Gedichten häufig auch besondere klangliche Elemente gezielt eingesetzt. Dies erkennt man meist (aber nicht immer!) am Reim und am Rhythmus eines Gedichts. Der Rhythmus eines Gedichts ergibt sich aus der unterschiedlichen Kombination von betonten und unbetonten Silben und wird Metrum genannt. Durch die gezielte klangliche Gestaltung kann ein Gedicht formal besonders harmonisch und ruhig wirken, obwohl der tatsächliche Inhalt sehr emotional und aufregend ist. Dies kann natürlich auch umgekehrt der Fall sein. Manchmal entsprechen Form und Inhalt aber auch einander.
Darüber hinaus gibt es noch weitere Unterschiede zwischen Gedichten und den anderen Gattungen: Während Kurzgeschichten, genauso wie andere Prosatexte, durch einen Erzähler vermittelt werden, gibt es in lyrischen Texten fast immer ein sogenanntes „lyrisches Ich“. Das lyrische Ich sollte aber nicht mit dem Dichter oder der Dichterin gleichgesetzt werden. Es kann zwar sein, dass es Überschneidungen im Leben der Autorin oder des Autors und ihren Gedichten gibt, das muss aber nicht so sein. Das Gedicht steht zunächst einmal für sich selbst, ganz unabhängig davon, wer es geschrieben hat.
Im Gegensatz zu dramatischen Texten, die in der Regel für das Theater geschrieben sind, gibt es in den meisten Fällen auch keine Dialoge und keine wechselnden Schauplätze. Gedichte müssen daher komplexe Zusammenhänge und Gedanken mit einer recht begrenzten Anzahl an Worten ausdrücken.
Dieser Aspekt beinhaltet einen weiteren wesentlichen Unterschied zu den anderen Gattungen: Meist ist ein Gedicht sehr viel kürzer als ein Drama oder eine Kurzgeschichte. Auch deswegen verwenden Dichterinnen und Dichter gerne und häufig bestimmte sprachliche Mittel, auch Stilmittel genannt, um den Lesenden ihre Gedanken zu vermitteln.

Prüfe, ob die folgenden Aussagen korrekt sind oder nicht. Schreibe "wahr" oder "falsch" hinter jede Aussage.

1. Gedichte sind meist in einem Fließtext verfasst.

2. Das Ende eines Verses ist in der Regel auch das Ende eines Satzes.

3. In Gedichten werden Sprachregeln manchmal nicht beachtet.

4. Aufgrund der musikalischen Tradition sind die Kategorien "Klang" und "Rhythmik" in Kurzgeschichten besonders wichtig.

5. Das lyrische Ich ist gleichzeitig die Autorin oder der Autor eines Textes.

6. Dadurch, dass Gedichte relativ kurz sind, ist ihre Form besonders wichtig für ihre Bedeutung.
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Aufgabe

Lies den Informationstext zu Gedichten. Im Anschluss findest du Fragen dazu.

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